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BELLA talks mit Kerosin95 über Wieder in der Stadt [kaum], Muskeln [viel], den österreichischen Bugs Bunny und Widerstände [wichtig]

Dienstag, 3. Februar 2026

Interview von Laura Hansen und Luzie Kasnitz

Heute sind wir [Laura und Luzie] in Hannover. Kerosin95 ist gerade mit seinem neuen Album Coming Out auf Tour. Wir treffen ihn kurz vor seinem Konzert im Mephisto. Laura und Kerosin kennen sich schon aus einem Seminar in Hildesheim, Luzie kennt Kerosin nur von Spotify. Also Hannover, Kerosin95, Backstage und wir. Es ist der 29.11.2025, circa 19:30 Uhr und es ist erstaunlich kalt [draußen] / normale Raumtemperatur [drinnen].


Hier könnt ihr Wieder in der Stadt hören.


Im Hintergrund wird gekickert


Bist du denn öfter auch an anderen Instituten? War das das erste Mal, dass du in einem Seminar warst?


Noch nie, aber das war voll die liebe Anfrage. Ich wusste nicht, wie das wird. Ich hatte nicht gedacht, dass es so nett wird. Ich war auch voll aufgeregt, weil es einfach so ein anderer Kontext ist. Ein akademischer Kontext. Manchmal ein bisschen weird oder einschüchternd, aber jetzt nicht mehr.


Ja, stelle ich mir schon irgendwie einschüchternd vor, wenn da so ein Raum voller Leute Fan ist und gebannt zuhört.


Das Setting finde ich stressiger als so ein Bühnensetting. Wenn ich auf der Bühne bin, ist egal wie viele Leute da sind. Da mache ich das, was ich die ganze Zeit mache. Und da weiß ich halt, was ich tue. Und in so einem Seminar-Setting weiß ich nicht, was ich tue. Oder bin so, ah scheiße, was sage ich jetzt? Oder überlege halt anders. Deswegen war das für mich viel krasser. Aber es war eh voll nett.


Ja, ich fand es auch sehr angenehm. Ich hatte eine gute Zeit! [Laura]


Ja, same!


Du bist ja gerade frisch auf Tour. Wie ist das für dich? Hast du Spaß daran? Bist du aufgeregt? Wie ist es, nach so einer langen Pause wieder auf Tour zu sein?


Es existieren sehr viele Dinge parallel. Es gab so eine ähnliche Frage in einem Seminar. Jetzt bin ich voll gewappnet für diese Frage.


Ich weiß die Antwort ja noch nicht. [Luzie]


Es ist etwas anderes, weil sich sehr viel verändert hat nach drei Jahren und mein Leben einfach komplett anders ist. Mein politisches Bewusstsein hat sich sehr verändert. Mein soziales Umfeld deswegen auch. Und insofern auch die Kunst und meine Lohnarbeit, auch wenn das zusammengehört. Wieder auf Tour zu sein, ist extrem anstrengend. Es ist einfach viel mehr Arbeit, weil sich durch die politische Veränderung auch das Team von Kerosin95 grundsätzlich verkleinert hat. Das heißt, ich habe seit 2022 vier, fünfmal mehr zu tun. Auf dem Level, auf dem ich gerade bin, ist dieser Job für mich einfach ein schlecht bezahlter 40-Stunden-Job. Das heißt, es ist ein schöner Job, den ich mir aussuche, der sehr viel Spaß macht und der mich sehr erfüllt. Aber es ist sehr fragwürdig, wie lange der Arbeitsaufwand noch sinnvoll ist.

Gleichzeitig passiert aber ganz viel anderes Leben. Das eine ist halt mein Beruf und gleichzeitig mache ich als Privatperson viele andere Dinge und es beschäftigen mich sehr viele Dinge politisch. Und dann ist man jeden Abend in einem Club-Setting, so einem Party-Setting. Das heißt, Touring ist gerade sehr komisch und auch das zu vereinbaren. Das war einfach ein anderes Bewusstsein 2022 und deswegen hat es 2022 mehr Spaß gemacht. Es war leichter, es war einfacher. Jetzt ist es schwerer. Das heißt nicht, dass der Job nicht schön ist, die Vernetzung nicht schön ist und Gespräche nicht spannend sind, sondern dass es einfach weirder ist und ich üben muss, dass diese Dinge koexistieren. Wie ein Muskel, den man aufbaut, den ich einfach noch nicht habe, wo einfach das Gewicht zu schwer ist. Ich mache das irgendwie jeden Abend und gleichzeitig passieren schlimme Dinge, Repression, Gewalt an Friends, an Genoss*innen, wo man dann trotzdem auf die Bühne geht und halt irgendeinen hotten, sexy Track macht und ich mir denke, boah, irgendwie, ich weiß nicht, ich fühle das gerade nicht mit den News, die ich in der Früh gekriegt habe oder sowas. Und das zu tragen und trotzdem dann Sinnhaftigkeit zu finden und so weiter und so fort, das ist einfach neu, weil ich das erst seit Kurzem mache in dieser neuen Realität. Und da bin ich noch nicht so fit. Der Muskel ist noch nicht so groß.


Ja, eine krasse Gleichzeitigkeit von Dingen und auch Entscheidungen, die man irgendwie treffen muss. Heute ist die Gründung der AfD-Jugend in Gießen. Das ist auch so eine schwierige Entscheidung. Kann man das psychisch mitmachen, in Aktion zu gehen, kann man mitfahren? In was für einer Art und Weise entscheidet man sich dafür, auch bei sowas dabei zu sein und was für einen Widerstand bin ich in der Lage zu leisten?


Ja, klar, sowieso und auch Blockaden. Ich denke mir so, wer hat die Möglichkeit, sich freizunehmen? Wer hat die Möglichkeit damit zu rechnen, dass man krankenhausreif geprügelt wird? Hast du die Möglichkeit Strafen zu zahlen? Bist du abgesichert durch Rechtsanwält*innen, durch Rechtsberatung. Es ist alles so ein größerer Gedanke mittlerweile. Also Soli gehen raus, an alle stabilen Genoss*innen, die die Stellung halten.


Ja, das alles ist ziemlich heftig! Der Liveticker ist an. Aber was bedeutet das jetzt für deine musikalische Entwicklung?


Ja, voll, gute Frage. Ich habe nicht nur ein Interesse von wegen: „Ah. Das wäre mal nett, so ein kleiner Song gegen Bullengewalt“ oder irgend sowas, sondern es geht gar nicht anders. Das ist halt noch vom alten Ding übrig geblieben, dieses ganze „Kerosin95, queere Visibility als Resistance. Wir sind einfach visible und anwesend und dadurch sind wir quasi im direkten Widerstand gegen diesen Staat” und jetzt bin ich halt so: Nah, erstens, das bringt nichts, außer Sichtbarkeit, die natürlich ein bisschen was bringt, bla bla bla, ok super. Aber was hat die Sichtbarkeit gebracht in Österreich oder in Deutschland, dafür, dass jetzt ein paar mehr queerfeministische Künstler*innen auf Bühnen sind und gleichzeitig das Selbstbestimmungsgesetz gekappt wird, die rosa fucking Listen kommen quasi zurück.

Aber ich war auch davon überzeugt, das wurde mir eingeredet und das habe ich geglaubt und das ist auch super angenehm, wenn man sich dann denkt, wow cool, das bringt sicher voll viel, dass ich einfach auf einer Bühne stehe. Natürlich, ja, es bringt was, wenn man über eigene Gewalt, die man als queere Person erfährt, in Texten spricht, aber es ist halt trotzdem egal. Und ich bin halt weißer Österreicher und bin halt liberal und kleinbürgerlich aufgewachsen und das waren einfache, zugängliche, politische „Kämpfe“ unter großen Anführungszeichen. Wie so to-go Kaffee, also ganz praktisch, da muss man nicht wirklich so viel machen, aber es wirkt halt so, als ob du extrem was bewirkst. Und das ändert was im Schreiben so, dass mich das auch nicht mehr befriedigt, da jetzt nochmal zu sagen, „oh mein Gott, just so you know, I'm a faggot, I'm queer, I'm a tranny“, da muss ich unbedingt nochmal was über meine eigene Gewalt schreiben, also das war's jetzt einfach, ich bin so, okay passt, ihr habt’s jetzt selber schon verstanden und jetzt interessieren mich nicht nur, sondern sind auch einfach andere Dinge an der Tagesordnung. Wenn man dann das nächste Mal ins Studio geht, bin ich so, okay was muss auch raus, an Ausdruck oder was finde ich wichtig aus dieser Schwere abzutragen in Texte und da geht's mir eigentlich eher auf die Eier, noch mehr über Queerfeminismus blablibla zu sprechen. Politische Texte, politisch, was heißt das, das beantwortet sich irgendwie jetzt langsam von selbst. Das war jetzt eine lange Antwort, das ist einfach so, die Antworten werden länger und die Sinnesfragen werden komplizierter – nicht komplizierter, es wird alles eindeutiger und es wird eigentlich weniger kompliziert. Punkt. Scheiße.


Aber hast du das Gefühl, dass sich dann auch deine Audience verändert hat oder hast du andere Adressat*innen im Kopf als vor drei Jahren?


Ich hab gar keine Adressat*innen im Kopf. Ich glaube, ich könnte die Fragen nicht mal beantworten, an wen ich das jetzt richten soll, weil mich das auch einfach nicht interessiert. Ich mache das jetzt aus Werten und aus einer Überzeugung heraus und daraus, was ich selbst für mich damit bewirken will. Und dann kann man die Adressat*innen eh nicht gut kontrollieren, aber das Publikum hat sich geändert. Es hat sich ums Halbe verkleinert, es war ein doppelt so großes Projekt vor drei Jahren. Irgendwann geht es halt dann den Leuten, also auch queeren Leuten, auch trans Leuten in Österreich, Deutschland, Schweiz, weil das ist das Zielpublikum, auf den Sack, wenn man über verschiedene Themen spricht und wenn man auch sagt, nee, ich will auf jeden Fall auch Frauen in die Fresse schlagen, wenn ich einfach eine Faschistin damit meine. Und wenn man das nicht differenzieren kann und dann mit irgendeinem Blödsinn kommt von jetzt so ein misogyner Mann und ich denke, hey, wir können gerne auch über Misogynie sprechen, weil natürlich bin ich misogyn aufgewachsen.


Okay, also es gibt keinen konkreten Adressat oder keine konkrete Adressatin und es wird alles dringlicher.


Ja, voll. Dringlicher und was mache ich dann auch nächstes Jahr, spiele ich dann die ganze Zeit Gigs und dann im Sommer die ganze Zeit Festivals durch und wofür habe ich sonst Zeit? Ich will mich auch politisch organisieren. Oder spiele ich jetzt wirklich so viel, je nachdem wie viele Gigs halt auch reinkommen. In Österreich gibt es fast keine mehr, weil die Repression dort im Hintergrund passiert und man einfach nicht mehr eingeladen wird. In Deutschland ist es wieder anders, da wird es eher lauter verhandelt, was ich sehr angenehm finde, weil es sichtbarer ist. Also sehr angenehm finde ich das. Also im Vergleich.


Aber vielleicht einfacher darauf zu reagieren?


Ja, voll, da kann man halt damit arbeiten. Aber dadurch, dass ich so lange in Österreich gelebt hab und die Szene sehr gut kenne, bin ich halt so: „I know all of you fucking fucks. I see you, I smell you, even if you're not in the room.“ Da habe ich zu viel Wissen, deswegen bin ich so, ich weiß ganz genau…


Wie der Hase läuft?


Nämlich gar nicht. Der läuft einfach nicht, der schläft seit Jahrzehnten. Der läuft überhaupt nicht, wenn der jemals existiert hat. Ich bin echt so, dieser Hase, von dem die Leute sprechen, Österreichischer Bugs Bunny, was ist das hier, wo bist du?


Schreibst du dann auch aus Wut oder was machst du gegen das Ohnmachtsgefühl? Weil ich finde all das, was du erzählt hast, das kann ja auch einfach wahnsinnig doll lähmen oder halt am Ende dazu bringen, dass man gar nichts macht.


Ja, voll. Ich meine, ich habe von den liebsten Menschen in meinem Leben gelernt, einfach Arschtritte anzunehmen und dass es eine Balance sein muss zwischen Pause machen, zwischen sich selber regulieren und Hoffnung kann ich mir nicht leisten zu verlieren, weil so stagnieren, mit welchem Status kann ich mir das jetzt leisten? Also historisch, klassischerweise, Österreicher Großeltern natürlich, Urgroßeltern natürlich, Nazis in der SS und so weiter und so fort, das heißt nicht, dass man nicht lernen muss, wann man Pausen macht, wie man sich zurücknimmt, wie man das alles in seinen Alltag einbaut, aber das ist auch ein Muskel, den man trainieren muss und wo es halt einfach Verantwortung zu übernehmen gilt. Aber auch Verantwortung im Sinne von, wie man längerfristig was machen kann und sich nicht zu verausgaben, die ganze Zeit. Aber nach all der Zeit, wo man eh nichts gemacht hat, gibt es halt einfach etwas zum Aufholen und man kann so viel machen in Österreich, wenn man eine Stecknadel fallen lässt, ist es in den Medien.

Ich lebe zwar nicht mehr in Österreich, ich lebe in Berlin, aber auch in Deutschland kann man die ganze Zeit alles machen, das muss nicht immer High Risk sein. Auf die Kunst habe ich jetzt gerade gar nicht so einen Fokus, das passiert glaube ich eher so nebenbei. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, jetzt als Kerosin95 dieses Interview zu führen, aber es ist auch wenig Zeit, to be honest, die man kreativ verbringt. Es ist ganz, ganz wenig Zeit, die man damit verbringt, Musik zu kreieren und Texte zu schreiben. Der Rest ist Büro, Steuern, logistische Sachen, Abrechnungen und Planung. Das heißt, du verbringst extrem viele Monate lang mit so viel Arbeit, damit du dann kurz kreativ bist und das dann wieder herzeigst, also es ist alles einfach wenig Zeit für diesen Output. Das sind sehr reale Antworten, wo es auch voll schade ist, dass ich das dann wirklich nur aus dem Geldverdienen heraus so oft mache und eigentlich so wenig Kunst passiert, aber ja, Zeit ist Geld und ich habe nicht so viel davon. Also es ist alles nicht so romantisch. Das heißt nicht, dass es nicht schön und wichtig ist und mir ganz viel gibt, aber es ist alles im Vergleich in so einem kleinen Ausmaß.


Scheiße.


Ja, ich weiß, so eine Scheiß-Antwort, voll langweilig.


Ne, eh voll spannend, aber das ist natürlich richtig scheiße.


Also die Leute, die ich halt früher gekannt hab, mit denen ich gearbeitet habe, auch künstlerisch – fickt euch alle auch – die sind halt so erfolgreich, weil sie durch Familien immer schon tausend Instrumente gehabt haben und auch so Musik machen, die politisch nirgends aneckt. Die schweben nur irgendwo unterwegs, das berührt nichts politisch, das heißt, dass man extrem erfolgreich damit sein kann und die haben natürlich alle ganz viel Zeit, die machen ja sonst nichts anderes. Die leben immer schon im Studio und haben die ganze Zeit Output und ich bin so, ah, wann können wir endlich mal wieder Musik machen? Scheiße, wann? Wann habe ich überhaupt Zeit?


Ja, das hört sich so an, als ob du wirklich einfach sehr wenig Zeit fürs Schreiben hättest.


Ja und wenn das dann endlich stattfindet, dann ist das so, dass es meistens von ganz alleine passiert, wie so ein Fass an Informationen und Gefühlen und Eindrücken, die man dann über lange Zeit gesammelt hat, wie so ein Becken, wo man sich dann in so einen State versetzt und diese Dinge entweder alle fühlt oder anschaut. Manchmal komme ich schon und schreibe einfach Gedichte nieder und dann bin ich so, hey lass mal das fetzen auf irgendeinen Beat, aber oft passiert das im gleichen Atemzug und dann entsteht das, während Osive gerade bastelt, also einfach irgendeinen Beat pumpt, weil ich sag, he, das ist ein lustiger Youtube-type-Beat, mal so in der gleichen BPM-Zahl, also im gleichen Tempo, da was machen, mit der gleichen Bassdrum oder sowas ähnlichem. Also irgendwo Inspo und dann währenddessen fällt mir was ein und dann wird diese ganze Information aktiviert und was das jetzt für Gefühle sind, ist immer unterschiedlich, ob jetzt aus Wut oder ob das aus was Gehässigen kommt. Das finde ich halt sehr viel einfacher, das bin ich gewohnt, aus Gehässigkeit oder Verarschen, aus Dissen, also Dissrap oder Battlerap heraus, quasi den Finger auf was zu zeigen, meistens auf Personen, was sehr schwierig ist, ist nicht den Finger auf jemanden zu zeigen, sondern auf Strukturen oder dann halt über größere Dinge zu schreiben, das finde ich voll die Challenge und deswegen finde ich das am spannendsten. Das braucht einen viel längeren Atem, also für mich zumindest.


Funktioniert das dann trotzdem gut, obwohl du weißt, dass du nur so ein kleines Zeitfenster hast, in dem du es dir leisten kannst zu schreiben?


Das werden wir herausfinden. I don't know, keine Ahnung, vielleicht. Das ist einfach eine Frage der Zeit. Meistens habe ich die Sachen geschrieben so in der Straßenbahn und schreibe dann irgendwas auf irgendeinen anderen Beat und sage dann Osive, ich glaube ich habe einen neuen Song, lass uns da einen Beat dazu machen, also einen eigenen Beat zu kreieren. Das ist eher so im Unterwegssein passiert und dann hole ich schnell mein Handy und schreibe das auf. Ich habe so verschiedene Reimwörterbücher, die mir helfen oder wenn du Vorschläge kriegst, ist das wie eine Kettenreaktion und dann entsteht so ein Domino und dann musst du in dem drinnen bleiben, das ist wie kurz auf Drogen sein, finde ich, deswegen entstehen die meisten Texte in einer halben Stunde und sind dann auch fertig.


Hast du dann dein Album, also Coming Out, auch in der Straßenbahn geschrieben?


Auch im Bus wahrscheinlich. Einfach Öffis, die Öffis in Wien. Im Studio, zu Hause und im Zug. Und manchmal auch hinsetzen und überlegen. Es gibt einen Song, der heißt Outrage und da habe ich aus irgendeinem Grund an die österreichische Nationalhymne gedacht und wollte die umschreiben. Und dann habe ich sie halt rausgesucht und war so, ah okay: Land der Berge, Land der Seen, Land im Strome, bla bla bla, irgend so einen Scheiß. Ich kann die gar nicht, aber ich habe es halt nochmal durchgelesen und war so, ah okay, no. Land der Berge, Land der Täter. Zukunftsreiches Österreich und ich bin halt so: zukunftsarm. Also, das war einfach, weil ich die Hymne umgetextet habe, ich meine es ist wirklich so ein mini kleiner Auszug, aber halt über ein paar Dinge nachgedacht und zusammengefasst von zwei Jahren. Deswegen ist es halt ein Auszug und jetzt nicht die Zusammenfassung, sondern es ist halt nur ein Wimpernschlag und auch nicht mehr.


Hast du aus so einem ähnlichen Grund auch Mozart mit einfließen lassen?


Ach stimmt, ja das Requiem von Mozart, lol. Ja, fix.


Bist du Fan?


Also, dieser Requiem-Beat von Mozart, der ist auf der Tour 2022 entstanden. Das ist ein ganz ein alter Beat, als wir auf Tour waren, habe ich irgendwas mit, „wieder in der Stadt“ nur so dahergebrabbelt und dann habe ich Osive gefragt, ich wollte einfach irgendwas extrem hyper-dramatisches, einfach einen Trap-Beat auf ein klassisches Musikstück und war halt so, Beethoven, Mozart, habe ich so ein bisschen geschaut und dann haben wir den gefunden und Osive hat den, als wir krank im Airbnb gesessen sind – oh Gott, Airbnb bei der Weise, da wusste ich noch nicht, Boykott, Boykott, Airbnb, don't do Airbnb! Wir scannen die ganze Tour jetzt schon alles ab und sind so am BDS [Boycott, Divestment, Sanctions] üben – und dann haben wir das, als wir krank waren, auf Tour herumprobiert und das war auch noch so dieses ganze alte Kerosin-Ding von „mir sind so schlimme Sachen passiert und deswegen mache ich mich jetzt ganz groß und mach immer so wichtige Texte und verarbeite dann irgendwie Trauma mit Humor und bin immer so geil, boah, als Teufel auferstanden, 1706, boah, krass“. Und das war noch die letzte Ära davon, also dieser Track. Jetzt sehe ich das anders, aber es ist alles ein Prozess und ich glaube deswegen ist der Song noch so.

Aber jetzt mache ich das halt mehr so, „hehe lol“. Also jetzt ist es halt dramaturgisch eher so witzig. Aber nach außen hin ist es einfach so ein dramatisches Mozart-Requiem, das ist halt voll übertrieben. Und es ist auch ein bisschen cringe jetzt, nein, es ist schon ziemlich cringe.


Ich finde es nicht so cringe.


Also, wenn man jetzt darüber reflektiert in der Retrospektive, warum man es so psychoanalytisch geschrieben hat, bin ich so, ah, lol, und bin jetzt so, wow, wow, wow, es ist halt so lächerlich, keine Ahnung.


Aber das wissen wir ja nicht.


Aber eh witzig, ja genau, du so, „egal, das schneiden wir raus.”


Das ist ja dann irgendwie auch crazy, wenn das über so einen langen Zeitraum entstanden ist und du dann teilweise so eine Distanz zu den Songs hast, die du jetzt performst, geht dir das mit vielen Sachen von dem Album so?


Ja, schon, es ist ein bisschen spannend, aber es geht schon noch. Ich habe auch früher in anderen Projekten gespielt und andere Songs geschrieben, mehr so Singer-Songwriter-Stuff vor zehn Jahren, und nach zwei, drei Jahren habe ich das Gefühl, mir wird es irgendwann immer nervig. Ich bin jetzt nach der Tour auch schon so, boah, ich kann schon nicht mehr hören, lass uns was anderes machen. Also so ist es eh nicht. Aber ich bin schon so, ah, ich fühle es nicht mehr. Also die meisten Sachen. Und das heißt nicht, dass es nicht Spaß macht, wie gesagt, es koexistiert. Aber das ist einfach ein komisches Aushalten, dass man sich denkt, man hat sich halt entschieden für das, dann macht man das und das dauert einfach. Und deswegen gibt es ja auch ganz viel Kunst von lauter langweiligen Arschlöchern, weil die alle ganz viel Zeit und Ressourcen haben und eher weniger Kunst von cooleren Leuten, weil die keine scheiß Zeit haben. Deswegen gibt es so viel Müll überall. Weil die Leute, die Müll labern, auch Bühnen kriegen und Zeit haben für Müll. Und dann denke ich mir so, nee, macht eh Sinn, dass man den Job macht oder dass man dann Kunst macht. Macht eh Sinn, es gibt eh so viel Scheiß. Diese Sinnfragen von was mache ich da überhaupt, das kann man sich nicht leisten.


Wir haben uns auch gefragt, wie du zwischen Privat und Persona unterscheidest. Ich glaube, du hast in dem Seminar an irgendeinem Punkt gesagt, ah ja, ich rede ja jetzt nicht mit euch als Kerosin, sondern ich bin als Kem hier”. Ich finde spannend, wie du das für dich unterscheidest.


Ich finde das auch eine spannende Frage. Ich habe mir das gar nicht mehr gestellt seit drei Jahren, die Frage. Aber das hat sich jetzt von selbst ergeben. Ich habe nämlich das Projekt gegründet und habe das in einem Pressetext immer so gehabt: Die Kunstfigur. Das ist die Figur, in die ich schlüpfe ich rein. Hahaha. Das ist auch wieder dieses Ding, das Projekt hat sich einfach gegründet aus sehr viel unverarbeitetem Trauma, wo ich kein Bewusstsein gehabt habe, wie ich mit der Gewalt umgehen soll. Und dann war ich halt so, jetzt mache ich was Lustiges draus. Das ist der absolute Gemini-Act, den man irgendwie machen kann, oder? So direkt drüber lachen.


Das fühle ich! [Laura]


Bist du auch Gemini? Ja, gell? Scheiße, ist eine blöde Angewohnheit. Aber aus tiefstem Inneren ist das entstanden, leider. Und es ist halt einfacher. Und deswegen war das immer so: „Kunstfigur“. Und dann geht man auf die Bühne und man ist wer ganz anderes. Und jetzt bin ich so, hä? Warum? Also, warum eigentlich? Jetzt kann ich mir erklären, warum ich das gemacht habe, es heißt halt immer noch so, das ist dann halt einfach irgendein depperter Name, den man halt hat, damit man Musik rausbringt, hätte ja auch heißen können: Kem. Aber Kerosin95 ist ja ganz cool.


Ist sogar eine Zahl drin!


Ja, wow, genau, es ist halt so, wirklich. Die gleiche Frage, bei irgendwelchen Bands, Nirvana, warum heißen die so, und nicht Kurt Cobain Band Experience, weiß ich auch nicht. Und es war immer so diese Trennung zwischen Kunstfigur und Privat, und dann funktioniert das eh irgendwann nicht mehr. Also, ich denke mir jetzt, wenn ich so salopp einfach antworte, dass das halt sowieso nicht zu trennen ist.


Ja, manche Sachen zerdenkt man auch einfach ein bisschen zu viel.


Ja, ich glaube auch. Ähm, rennt das eh noch?


Achso Gott, ich hoffe! Okay, vielleicht noch eine Schreibfrage.

Ah, ja, schreiben. Schreiben ist ja unser Ding. Und Sprache, ähm, du rappst ja auch auf unterschiedlichen Sprachen.


Was? Neeeeein!


Auf Englisch?


Nein, auf Englisch…


Französisch?


Ach, das nein. Das nein! Das darf man nicht! Ich finde, ich rappe nicht auf unterschiedlichen Sprachen. Ich bringe manchmal nur so Sachen rein.


Aber weil es dann für dich eine bewusste Entscheidung ist? Oder ist es eher so, dass du die Phrase dann auf der Sprache im Kopf hast?


Nein, also ich habe auch Französisch in der Schule gelernt, aber das ist dann einfach witzig für mich. Nein, aber ich würde nicht sagen, also ich würde niemals sagen, ich mache Französischen Rap, das ist gaaaaaaanz was anderes. Das ist ein richtig anderes Genre als Deutschrap. Und Englischer Rap sowieso noch mal gar nicht, auch was sehr anderes. Also, ich baue es mit rein, weil ich so denke, oder auch Pop-Songs auf Englisch geschrieben habe. Ähm, ja. Ja. Ich bin direkt in die Verteidigung gegangen. „Auf gar keinen Fall, das druckt’s ihr nicht ab!“


Das kommt raus.


Nein, nein. Aber ich würde einfach sagen, es fließt ein, weil mein soziales Leben auf Englisch zur Hälfte ist. Oder vielleicht sogar zu 70 Prozent. Und Songs auf Englisch schreiben ist manchmal lustig. Also Pop-Songs vor allem. Das ist halt noch mal so ein anderes Drama für mich. Und Französisch einfach weil es witzig ist. So cocky.


Und wie ist das mit den Samples, die du einfließen lässt? Ist das auch einfach spontan, weil es gerade gut passt?


Das ist so in Absprache zwischen mir und Osive, wo wir blödeln. Osive, auch Gemini. Das hört nicht auf.


Aha, aha, aha. Ich fühl mich ganz ausgeschlossen! [Luzie]


Naja, scheiße, ja? Das ist mehr so die Frage, welches Sample kommt nicht rein, oder wo wir dann eher mal ein Punkt machen. Also wir haben einfach so viele Ideen und lustige Dinge. Also einfach so ein spielerischer, kindlicher Mind. Zwei kindliche Minds. Die Challenge ist dann eher zu reduzieren, also die Dinge manchmal simpler zu halten. Oder zumindest für mich. Ich will mir gern alles zumüllen mit allem. Und dann bin ich so, nein. Also das passiert einfach so, wie wenn man in Situationskomik herumblödelt und dann so Meme-Mind. Also auch so Instagram-Meme-Mind.

Du so, „ja, ja. Ja, ja, ja“. Du kannst es besser erklären.


Ja, check ich. Okay, okay. Ich weiß nicht, ob wir dich darauf vorbereitet haben, aber wir fragen... Doch, ich hab's geschrieben. Okay, wir fragen alle Leute nach ihrer Lieblingsline auf all times.


Ach ja, stimmt, ich hab das voll wieder vergessen! Meine Lieblingsline auf all times?


Ja.


Von was?


Von irgendeinem Song, den du magst.


Auf der Welt? Irgendwas?


Ja, alles.


Oh Gott, was ist das für eine schreckliche Frage! Bäh, ich hasse sowas!


Wir haben uns das selbst ja auch oft gefragt und konnten es nicht beantworten, aber jetzt haben wir damit angefangen…


Ah, da weigere ich mich. Das ist ganz schlimm. Das finde ich ganz schlimm. Da bin ich so: keiner. Nein. Nein. Es ist wie: was ist dein Lieblingssong?


Das haben wir beantwortet, als Redaktion in der Bella...


Boah, keine Ahnung. Meine Lieblingsline…


Ja, es ist hart.


Mir fallen keine Songs ein, nur lauter Memes.


Du darfst uns auch dein Lieblingsmeme sagen.


Wui, wui, wui. Ja? Wisst ihr, was ich meine?


Nein, ich nicht.


Okay. Es ist ein Katzenmeme. Wui, wui, wui. Nein, ist egal. Ich weiß nicht, ob ihr das jetzt abdruckt.


Wui, wui, wui. Vielleicht können wir das Meme einfügen, das kommt ja auf unserem Blog. Dann können wir das ja. Das ist perfekt.


Scheiße. Ideal. Das war die letzte Frage?


Das war die letzte Frage. Das war der glorreiche Abschluss.


Nein, nein, ich kritisier gar nicht.


Manchmal muss man auch Nein sagen. Bei allen anderen hat es bisher ganz gut funktioniert mit der Lieblingsline.


Echt?


Ja. Aber es ist auch gut, dass du nicht zurückgefragt hast.


Neeeeein, weil ich bin immer noch im Überlegen. Aber ich kann dir vielleicht in 13 Jahren eine Antwort geben.


Ja, das ist fair. Dann können wir das noch einfügen, schreib einfach.


Dann gibt es das Internet nicht mehr.


Ich weiß nicht. Also, die Bella hält sich ja schon lange.


Stimmt. Ja, scheiße, ihr habt voll recht! Fuck. Ihr werdets mich noch jagen mit dieser Frage.


Drucken wir dann als Nachtrag. Ja, siehe Bella….Was ist in 13 Jahren? Welches Jahr? Das kann ich nicht. Das kann ich auch nicht. Naja. Ja, okay. Schwierige mathematische Aufgabe. Das können wir jetzt nicht lösen.

[Die Redaktion scheitert an dieser mathematischen Aufgabe]


Nein, das ist voll schlimm. Die ganze Nacht lieg ich jetzt…


Oh, nein!


Nein, das ist echt so. Das beschäftigt mich.


Oh, nein. Oh, nein.


Na, ist gut. Ich gebe dir mal das Handy wieder.


Ja, danke schön.


Ja, klar. Danke euch. Das war voll nett.



Kerosin ist aktuell auf Tour und spielt z.B. am 26.02 in Salzburg und am 27.02 in Graz.

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